Law Lounge

November 15, 2006

Ein Tag am U.S. District Court

Gespeichert unter: Pflichtwahlpraktikum Washington DC, Referendariat — lawlounge @ 11:59

Was einen Rechtsreferendar während der Wahlstation in Washington, D.C. vielleicht auch interessieren könnte, ist ein Besuch an einem amerikanischen Gericht. Diese sind in der Regel der Öffentlichkeit zugänglich und nicht schwer zu finden, denn sie befinden sich allesamt auf dem so genannten Judiciary Square, der mit der Metro leicht zu erreichen ist.

Die Wahl fiel bei meinem Ausflug zufällig auf den U.S. District Court for the District of Columbia, dem untersten Bundesgericht für den District of Columbia.

Zwar muss man sich beim Betreten des Gerichts den üblichen Sicherheitskontrollen unterziehen und Handies und sonstige elektronische Geräte in ein Schließfach sperren. Doch gaben einem die Security-Leute auf keinem Fall das Gefühl, unerwünscht zu sein. Im Gegenteil – uns drei netten Rechtsreferendarinnen aus dem fernen Deutschland standen sie sogar mit Rat und Tat zur Seite. So teilten sie uns auf Nachfrage mit, in welchem Stockwerk und in welchem Zimmer an diesem Tag Sitzungen stattfanden.

So informiert begaben wir uns über den Aufzug zu den entsprechenden Zimmern. Wie in Deutschland hingen Sitzungspläne an oder neben den Türen der Sitzungssäle. Leidergab es an diesem Tag bei den zivilrechtlichen Fällen in erster Linie nur die so genannten Initial Hearings, in denen erst einmal eine Frist zur Aufstellung eines Beweisplans festgesetzt wurde. Wir waren Anfang August bei Gericht, der Termin für die nächste Sitzung wurde jedoch auf Mitte Januar anberaumt!

Nachdem der Vormittag bei der Civil Division nicht so erfolgreich verlaufen war, da wir kaum etwas Spannendes zu sehen bekommen hatten, informierten wir uns im Büro des Clerks, welche Verhandlungen an diesem Tag noch interessant sein könnten. Es gab dort eine Liste mit den Fällen des aktuellen Tages. Dort fanden wir dann auch heraus, dass für den Nachmittag bei einem Strafrichter mehrere Termine geplant waren.

Nach dem gemütlichen und sehr schmackhaften Mittagessen in der Gerichtskantine (kein Vergleich zu deutschen Gerichtskantinen!!!) mit Blick auf das Kapitol, warteten wir vor dem Sizungssaal darauf, dass dieser aufgesperrt wurde. Dabei sahen wir, dass es extra Räume gab, in denen die Zeugen warteten. Wie ich aber später herausfand, saßen dort vor allem auch Angehörige der Angeklagten, die später im Zuschauerraum Platz nahmen.

Schwierig war auch zunächst herauszufinden, wer zur Staatsanwaltschaft gehört und wer Verteidiger ist. Denn anders als im deutschen Strafverfahren trugen weder Staatsanwalt noch Verteidiger eine Robe.
Auch die Strafverfahren, denen wir beiwohnten, befanden sich noch im Anfangsstadium. So konnten wir beispielsweise der Vereidigung eines Angeklagten lauschen (es war das, was man aus dem Fernsehen kennt, in der Art „…die Wahrheit und nichts als die Wahrheit…so wahr mir Gott helfe“). Wirklich beeindruckend, zumal für deutsches Rechtsempfinden undenkbar.

Später konnten wir dann noch ein Plädoyer eines Verteidigers anhören. Dabei fiel auf, dass dieser Asiat war und leider mit einem leichten Akzent sprach. Unserer Ansicht nach wurde er deswegen auch vom Gericht nicht ganz ernst genommen – abgesehen davon, dass er manch wilde Rechtstheorie aufstellte, die den Richter zum Schmunzeln brachte.

Alles in allem ein sehr aufschlussreicher Tag und in jedem Fall empfehlenswert. Wer allerdings etwas mehr „Action“ möchte, sollte den Superior Court, das unterste einzelstaatliche Gericht im District of Columbia, besuchen. Dort wird man vielen Straf- und Zivilverfahren beiwohnen können. Wie mich mein Ausbildungsanwalt aber warnte, soll man erstens aufpassen, dass einem nichts gestohlen wird, zum anderen, dass man nicht unverschuldet in einen Gefangenentransport gerät…

1 Kommentar »

  1. „Wie mich mein Ausbildungsanwalt aber warnte, soll man erstens aufpassen, dass einem nichts gestohlen wird, zum anderen, dass man nicht unverschuldet in einen Gefangenentransport gerät…“

    Darüber würd ich ja gerne Anekdoten hören. ;-)

    Kommentar von Tommy — November 15, 2006 @ 2:35


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